Tiny House selber bauen

Tiny House Selber bauen Patrick Allgeier

Illustration: Marta Samalea (Spanien)

2400 Stunden Herzblut: Wie wir unser 9-Meter-Tiny-House-Abenteuer gewuppt haben

Ein Tiny House selbst zu bauen ist machbar, es verbindet einen zutiefst mit dem eigenen Wohnraum und kann Kosten sparen. Doch so ein Bau erfordert handwerkliches Geschick, viel Zeit und im besten Fall eine extrem sorgfältige Planung – insbesondere was Statik, Dämmung, Haustechnik und die geltenden Bauvorschriften (GEG) für die Genehmigungen angeht.

Wer von uns ist nicht mit Peter Lustig und seinem blauen Bauwagen in „Löwenzahn“ aufgewachsen? Was damals wie ein Kindheitstraum wirkte, ist heute eine weltweite Bewegung: Das Tiny House Movement. Im Jahr 2021 habe ich mir diesen Traum erfüllt. Gemeinsam mit meinem guten Freund Patrick habe ich ein Haus gebaut, das mehr ist als nur ein Erhulungsort – es ist eine Reise voller Begeisterung, Schweiß und unzähliger Lernmomente.



Warum eigentlich ein Tiny House?

In einer Welt, die oft auf „immer mehr“ getrimmt ist, bietet ein Tiny House (meist zwischen 15 m² und 45 m²) die perfekte Antwort: Minimalismus und Freiheit. Für mich sprachen klare Gründe dafür:

  • Ökobilanz: Weniger Material beim Bau, weniger Energieverbrauch im Alltag. Und natürlich der Anspruch, möglichst alles mit den eigenen Händen zu erschaffen.

  • Flexibilität: Die Möglichkeit, das Zuhause theoretisch mitzunehmen, wenn sich das Leben ändert.

  • Fokus: Reduktion auf das Wesentliche, um Platz für Erlebnisse statt für Dinge zu schaffen.

Bild Tiny House selber bauen

Die Planungsphase: Fenster als Taktgeber

Wir haben uns für einen besonderen Weg entschieden: Design folgt Material. Anstatt Standardmaße im Baumarkt zu kaufen, haben wir erstklassige Fenster und Türen von Leuten übernommen, die sie loswerden wollten. Wir haben das Haus buchstäblich um diese Fenster und Türen herum geplant. So konnten wir entscheiden: Wo brauchen wir das meiste Licht? Wo sind die besten Ausblicke? Wie lässt sich alles am günstigsten einteilen?

Unsere Entscheidung gegen den Standard:

  • 3 Meter Breite: Während 2,50 Meter der Standard für deutsche Straßen sind, haben wir uns (nach Tipps von anderen Erbauern) für 3 Meter entschieden. Das Raumgefühl macht, obwohl es nur 50 cm mehr sind, einen gewaltigen Unterschied! Es fühlt sich innen viel weitläufiger an. Der Transport erfordert dadurch zwar eine Sondergenehmigung und kann nur von einem Trecker gemacht werden, aber das war uns das Wohnerlebnis wert.

  • 7,5-Tonnen-Lkw-Lafette: Statt eines leichten Pkw-Anhängers wählten wir eine Lkw-Lafette mit speziellem Plateau. Das gab uns die Freiheit, massive Kanthölzer und schwere, ökologische Dämmung zu verbauen. Wir hatten dickere Wände und einen besseren Dämmschutz, ohne ständig Angst vor dem Gewichtslimit haben zu müssen.

Vier Monate im „Labor“: Das weiße Zelt in Freiburg

Unser Haupt-Bauplatz war ein riesiges weißes Zelt in Freiburg, direkt neben der Tischlerei von Guy Lawson. Dieses Zelt war unser bester Freund – es bot uns 24/7 Regenschutz, sodass wir das Haus nie abdecken mussten. Das hat uns schätzungsweise 30 % der Arbeitszeit gespart, die sonst für Aufräumen und Abdecken draufgegangen wäre. Sogar Nachtschichten waren dank der Beleuchtung im Zelt möglich.

Hier haben wir gemerkt: Man lernt nie aus. Obwohl wir viel eigenes Werkzeug hatten, durften wir die großen Maschinen der Tischlerei nutzen. Wir mussten uns gemeinsam mit Lorenz in neue Grafik- und Planungstools einarbeiten, die wir vorher nicht kannten. Wenn wir mal eine Maschine nicht bedienen konnten, war immer jemand da, der uns half. Diese Gemeinschaft hat das Projekt erst ermöglicht – wir sind Guy, Lorenz und dem ganzen Team unglaublich dankbar.

Bauweise & Material: Wenn Wände atmen

Besonders stolz bin ich auf das ökologische Innenleben und das Raumklima:

  • Lehmputz: Das hat uns Michi beigebracht. Wir haben den Putz selbst aufgetragen. Er sorgt dafür, dass der Wagen aktiv „atmet“ und ein wunderbares Klima herrscht. Zudem dient die „Erde“ als zusätzliche Dämmung und Wärmespeicher, der die Hitze des Ofens über die Nacht hält.

  • Recycling & Neuware: Boden, Türen und Fenster sind komplett recycelt. Neu gekauft haben wir das konstruktive Holz wie Kanthölzer und Dreischichtplatten, die preislich stark ins Gewicht fielen.

  • Zirkuswagen-Stil & Licht: Wir wollten viel Licht, daher die Oberlichter. Diese laufen an beiden Enden in zwei Sockel aus, wodurch wir im Inneren praktische Doppeletagen und extra Räume gewinnen konnten.

  • Die Kurve kriegen: Wir haben viele runde Teile eingebaut, wie runde Fenster und integriertes Treibholz für einen natürlichen Flair. Aber Achtung: Alles, was rund ist, braucht mindestens doppelt so lange! Das runde Dach mit den Oberlichtern war der höchste Aufwand des ganzen Projekts.

Technik, Wasser & Sicherheit

  • Minimalismus im Bad: Wir haben uns gegen eine interne Nasszelle entschieden, da diese viel Platz frisst. Dusche und Trockentrenntoilette befinden sich außen, nebst einem kleinen Saunagebäude. Wasser kommt einfach als Kaltwasser über einen Gartenschlauchanschluss von außen.

  • Ofen-Sicherheit: Feuer ist bei einem Holzbau das Gefährlichste. Unser Ofen zieht seine Luft von außen, damit der Sauerstoff im Wagen nicht ausgeht – ein lebenswichtiger Punkt bei so gut gedämmten kleinen Räumen.

Das Fazit: Eine moderne Meisterprüfung

Nach vier Monaten Rohbau im Zelt war das Haus wasserdicht und wir brachten es an seinen Bestimmungsort im Schwarzwald. Dort konnten wir ohne Mietdruck die Feinarbeiten machen: Solarplatten und Elektronik anschließen (was recht teuer war), Fensterrahmen fertigstellen, Möbel bauen und den Boden verlegen.

Insgesamt flossen etwa 2400 Arbeitsstunden (umgerechnet 300 Arbeitstage), verteilt auf verschiedene helfende Köpfe, in den Wagen. Die Kosten lagen bei ca. 68.000 Euro, auch weil die Materialpreise während der Corona-Zeit stark gestiegen sind.

Rückblickend war dieses Projekt wie eine persönliche Meisterprüfung. Es gab kaum Komplikationen, was vor allem an der intensiven Vorplanung lag. Wir blieben im Zeitplan und die Freude am Schaffen hat uns jeden Tag angetrieben.

Hast du auch ein Projekt im Kopf?

Das Bauen mit Patrick hat mir gezeigt, wie viel Energie in solchen Projekten steckt. Ich habe Blut geleckt! Wenn du Lust hast, ein Tiny House zu bauen, aber noch jemanden suchst, der die Erfahrung (und die Begeisterung) aus einem 9-Meter-Projekt mitbringt: Lass uns reden! Ich freue mich riesig auf ein drittes oder viertes Projekt mit motivierten Menschen.

Quick-Check Tiny House Bau


Die 6 wichtigsten Fragen vor deinem Tiny-House-Bau

Du bist inspiriert und möchtest am liebsten sofort loslegen? Großartig! Aus der Erfahrung unserer „Meisterprüfung“ in Freiburg habe ich dir eine Checkliste zusammengestellt. Diese Fragen solltest du klären, bevor du das erste Holz kaufst:

1. Straßenzulassung vs. Raumgefühl: Wie breit darf es sein?

  • Die Standard-Frage: Willst du ohne Sondergenehmigung auf die Straße (max. 2,55 m Breite)?

  • Unsere Erfahrung: Wir haben uns für 3 Meter Breite entschieden. Das macht den Transport aufwendiger (Sondergenehmigung & Trecker), aber das Wohngefühl ist um Welten besser. Überleg dir gut, wie oft du wirklich umziehen willst.

2. Gewichtsklasse: Pkw-Anhänger oder Lkw-Lafette?

  • Die meisten Tiny Houses kämpfen mit der 3,5-Tonnen-Grenze.

  • Mein Tipp: Mit einer Lkw-Lafette (wie bei uns bis 7,5 Tonnen) hast du beim Baumaterial freie Hand. Du kannst massiver bauen, Lehmputz verwenden und eine dickere Dämmung einplanen, ohne jedes Kilo zählen zu müssen.

  • Es gibt auch Tiny House Erbauer, die die Außenhülle für dich bauen und dann an dich ausliefern. Dann kannst du einfach denn Innenbausbau selber machen.

3. Infrastruktur: Wo baust du?

  • Unterschätze niemals das Wetter! Ein regendichtes Zelt oder eine Halle (wie unser weißes Zelt in Freiburg) ist viel wert.
    Es spart dir ca 30 % an Stunden beim Abdecken, Aufräumen und schützt dein Material.

  • Hast du Profis (z. B. eine Tischlerei) in der Nähe, die dir bei großen Maschinen aushelfen können?

4. Planung: Fenster zuerst oder Wände zuerst?

  • Unsere Strategie war klar: Zuerst besorgen wir Fenster und Türen – gerne recycelt – und planen dann das Haus drumherum. So sparen wir enorme Kosten und geben dem Wagen sofort Charakter. Mit SketchUp als Zeichnungsprogramm, auf das uns unser Umfeld glücklicherweise aufmerksam gemacht hat, konnten wir früh sehen, welche Schrägen, Türen, Fenster oder Proportionen stimmig sind und welche komplett im Weg wären. “Die meisten Fehler passieren so am PC und nicht teuer mit Holz “ eine Lektion, die uns viel Frust erspart hat, wie Lorenz überzeugend erklärte.

5. Haustechnik & Sicherheit: Autark oder Anschluss?

  • Willst du Solar und Akkus? Plane hierfür ein ordentliches Budget ein (die Elektronik war bei uns ein großer Kostenfaktor).

  • Ganz wichtig beim Ofen: Achte auf eine externe Luftzufuhr. In kleinen, gut gedämmten Räumen ist das ein entscheidender Sicherheitsfaktor, für genügend Sauerstoff!

6. Der Faktor Zeit: Rund oder Eckig?

  • Planst du Kurven, runde Fenster oder ein Tonnendach?

  • Die Faustregel: Alles, was rund ist, braucht mindestens doppelt so lange. Es sieht wunderschön aus, erfordert aber handwerkliche Geduld.

Mein persönliches Fazit: Ein Tiny House zu bauen ist kein Sprint, sondern ein Marathon, der unglaublich viel Spaß macht. Du lernst Tools, Materialien und Maschinen kennen, von denen du vorher nicht mal den Namen wusste.

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Was ist Sicherheit – und warum ich mich bewusst davor schütze